Schreibtischtaeter: Wenn Leitkultur zur Leidkultur wird

 

Die sensationsgierigen Teile der Medienlandschaft haben wieder zugeschlagen. Anstatt gelassen und ernsthaft und kontinuierlich über Tendenzen, Probleme und mögliche Lösungswege in der Gesellschaft zu informieren und zum eigenständigen Denken anzuregen, wird wieder mal auf plumpe, unausgesprochene Ressentiments gesetzt. Ein Thema wird benutzt um Hass und Panik zu verbreiten. Dabei wird jenen in die Hände gespielt, die schon seit langem vom «Kampf der Kulturen» reden und die mit der überdimensionierten «Kopftuchdebatte» innerhalb des letzten Jahres die jetzt so aufgepeitschte Stimmung mit erzeugt haben.

Es zeigt sich wieder einmal, dass das Interesse an differenzierter Betrachtung des Islam sehr begrenzt ist. So stricken Medien wie Politik am selben Bild: Alle MigrantInnen aus dem Kulturkreis des Islam seien potentielle Islamist/innen, feindliche und irrationale Fanatiker/innen. Das Urteil «islamisch» genügt offenbar, um einen viel sagenden Assoziationszusammenhang hervorzurufen. Einzelne Phänomene, wie die steigenden Mitgliedszahlen islamischer Vereine, werden von der deutschen Gesellschaft in spezifischer Weise gedeutet: Der muslimische Fundamentalismus gilt als bedrohliche Alternative zur modern-westlichen Demokratie.

Die Vorstellung, Muslim/innen in der Bundesrepublik seien in einem vormodernen Weltbild gefangen, sagt wenig aus über die Realität von Muslim/innen, dafür umso mehr über die Wirksamkeit des Feindbilds Islam. Denn seit dem letzten Jahrhundert ist die islamische Welt fester Bestandteil der westlich dominierten Welt, eingebunden in die modernen Entwicklungen von Wissenschaft, Ökonomie und Alltagsleben. Gerade die muslimischen Migrant/innen in der Bundesrepublik haben ihre Modernität bewiesen. Trotzdem war das Feindbild Islam nie aktueller als heute. Die Erklärung dafür findet sich weniger bei den Muslim/innen, als bei der Gesellschaft, die das Feindbild produziert, denn dort erfüllt es seinen Zweck.

Feindbild – Wem nützt es?

Gerade in modernen Gesellschaften sind Feindbilder wichtig. Denn die Menschen sind nicht mehr durch direkte Sozialbeziehungen miteinander verbunden, sondern müssen ihre Integration in die Gesamtgesellschaft individuell leisten. Diese Integrationsleistung ist kein stabiler Zustand und oft gefährdet. Feindbilder können solche Probleme kompensieren, sie ersetzen das positive Wissen von der eigenen Gesellschaft, die positiven Gefühle für das eigene Kollektiv durch Aggressionen gegenüber einem Gegner. Allen Individuen ist dann zumindest gemeinsam, dass sie von einem Feind bedroht werden.

Feindbilder können nicht künstlich erzeugt werden, sondern müssen auf tradierte Konfrontationen zurückgreifen. Der aktuelle Anti-Islamismus des Westens hat in dieser Beziehung gute Voraussetzungen: Seit der frühen Neuzeit gilt der Orient den Europäer/innen als Bereich der Gegenvernunft, des gewaltbereiten Wahnsinns und der Bedrohung. Die Bedrohlichkeit ist eine weitere Konstante von Feindbildern. Dem Feind werden Überlegenheit und aggressive Absichten unterstellt.

Innergesellschaftliche Probleme werden dem Feind zugeschrieben: Arbeitslosigkeit, Wohnungsnot oder Kriminalität schuld sind die «Ausländer». Jede Kritik kann als versteckte Komplizenschaft mit dem Feind abgewehrt werden. Dabei täte eine kritische Auseinandersetzung mit der gegenwärtigen gesellschaftlichen Entwicklung hier im Westen not. Denn nach dem Ende der vierzigjährigen Ost-West-Konfrontation steht auch der Wohlfahrtsstaat der sozialen Marktwirtschaft zur Disposition. Mit dem Wegfall der Systemkonkurrenz fehlt die Motivation und mit der hohen Erwerbslosigkeit fehlt der Druck der Lohnabhängigen, um ihn weiter zu finanzieren. Doch statt grundsätzlich die Folgen von Deregulierung und unsozialer Marktwirtschaft zu diskutieren, finden die Gefahren des islamischen Fundamentalismus weit mehr öffentliche Aufmerksamkeit.

Feindbilder produzieren reale Konflikte und schließlich – das ist die große Gefahr – gleichen sich auf beiden Seiten die Verhaltensweisen den Vorstellungen an, die die Gegenseite jeweils in ihrem Feindbild entwirft. Insbesondere die schwächere Partei kann sich dem Sog der Definitionsmacht der Mehrheit nicht entziehen.

Die Betroffenen werden ausgegrenzt und in ihrem Selbstwertgefühl verletzt. Paradoxerweise bietet das Feindbild hier einen Ausweg: Denn je mehr sich die Migrant/innen selbst nach dem Entwurf begreifen, den das Feindbild ihnen zur Verfügung stellt, desto selbstbewusster können sie gegenüber den Deutschen auftreten. Schließlich wissen sie ja nun, dass die Deutschen den Islam als bedrohlich ansehen und sich ihm unterlegen fühlen – ansonsten bräuchten sie kein Feindbild. Damit bietet man gerade den Jugendlichen ein attraktives Verhaltensmuster, die besonders unter Ausgrenzung leiden und noch nicht auf gesellschaftliche Konventionen festgelegt sind.

Der Begriff der Multikulturalität

Ob eine Idee als Leitfaden gegenwärtiger Politik geeignet ist oder nicht, können nicht hitzige Wortgefechte entscheiden, sondern ruhiges Nachdenken. Der Begriff «multikulturelle Gesellschaft» stammt aus Kirchenkreisen, wissenschaftlichen Seminaren und Migrant/innen-Zirkeln der 70er und 80er Jahre, er wurde damals auch von CDU-Intellektuellen wie dem Kreis um Heiner Geißler aufgegriffen. Nach dem Anwerbestopp 1973 wurde klar, dass sich ein großer Teil der Gastarbeiter/innen in der damaligen BRD dauerhaft mit ihren Familien niederlassen würde. Die politische Rechte wollte hingegen möglichst viele Gastarbeiter/innen zur Rückkehr zwingen. Einen weiteren Aufenthalt, gar eine Niederlassung war sie nur dann bereit hinzunehmen, wenn und soweit sich die Einwanderer unauffällig in der Gesellschaft anpassen, «assimilieren» würden. Wer dazu nicht bereit sei, möge die Rückkehr antreten.

Mit unverblümter Härte verkündete etwa der CDU-Innensenator Lummer 1981 seinen berüchtigten Ausländererlass, der vorsah, dass volljährig gewordene ausländische Jugendliche, auch wenn sie hier Jahre gelebt haben, in die Heimat ihrer Eltern abgeschoben werden und dass Ehepartner/innen unter extrem restriktiven Bedingungen nachziehen dürften. Auch der damalige Regierende Bürgermeister Westberlins, Richard v. Weizsäcker, deckte diese harte Linie durch sein Verlangen an die «ausländischen Mitbürger» ab, entweder «in die alte Heimat zurückzukehren» oder «auf Dauer Deutsche zu werden». Einen dritten Weg, «nämlich hier zu bleiben, aber nicht und nie Deutscher werden zu wollen», schloss Weizsäcker damals ausdrücklich aus. Es war übrigens ein großer Erfolg der damaligen sehr «multikulturellen» Solidaritätsbewegung, dass dieser rigide und fremdenfeindliche Kurs nicht durchgesetzt werden konnte.

Der kurze historische Exkurs verdeutlicht, dass die Idee der Multikulturalität als bürgerrechtlicher Kampfbegriff entstanden ist, der die individuellen wie kollektiven Rechte von Einwander/innen gegen den Assimilations- und Abschiebungsdruck von rechts verteidigt: «Wir haben Gastarbeiter gerufen, und es kamen Menschen» (Max Frisch). Und diesen Menschen müsse das Recht auf dauerhaften Aufenthalt, auf Familienleben und auf eigene Lebensgestaltung zugestanden werden. Die Vielfalt alltagskultureller Ausdrucksformen wurde als Bereicherung der Gesellschaft und als Ermutigung gewertet, auch im «deutschen» Milieu unterschiedlichen Lebensstilen stärker Geltung zu verschaffen.

Dabei war Kenner/innen der Szenen immer klar, dass Einwandererfamilien Zwischenkulturen bilden, die weder ein Import aus der Heimat noch eine Übernahme neuer Verhältnisse sind, sondern die durchaus unterschiedliche Antworten auf hiesige Lebensumstände geben und dazu in Teilen auf Elemente der Heimatkulturen zurückgreifen. Türkische Rockmusik in Berlin ist weder anatolisch noch angelsächsisch, sondern eine eigenständige Ausdrucksform. Der bärtige und bemützte Islamgläubige läuft trotz betonter Abgrenzungsbemühungen in Jeans und Kaufhaushemden durch die Straßen.

Im ständigen Prozess des sozialen Wandels bleibt Ethnizität zwar weiterhin ein mögliches Mittel zur Abgrenzung. Der konkrete Sinn des Konzepts einer multikulturellen Gesellschaft ist jedoch, Ethnizität nicht als Ab- und Ausgrenzungsmedium zu instrumentalisieren, sondern zur Grenzüberschreitung zwischen den Kulturen zu nutzen. Ein solches Verständnis würde es auch erlauben, in mehreren Kulturen gleichzeitig zu leben, ohne auf eine einzige Identität qua Staatsangehörigkeit festgelegt zu sein.

Die oben erwähnte Grenzüberschreitung zeigt den Anspruch von Multikulturalität auf wechselseitige Interaktion und Austausch. Zutreffender und realitätsgerechter wäre in diesem Zusammenhang vielleicht der Begriff «interkulturelle Gesellschaft». Der kulturelle Reichtum einer Gesellschaft liegt nicht in der Buntheit verschiedener Ausdrucksformen, sondern er schließt wechselseitige Beeinflussung ein und damit die Kommunikationsfähigkeit der verschiedenen Lebenswelten untereinander. Diese Kommunikation zu fördern und zu ermöglichen, ist eine wichtige Aufgabe auch der Politik.

Gleichzeitig ist Multikulturalität heute auch ein Anspruch an Toleranz, Interaktion und sozialer Gerechtigkeit, damit eine noch lebendige Vielfalt in einer Gesellschaft gegen die Zwänge der Vereinheitlichung und Standardisierung erhalten bleibt. Sie verteidigt über die Rechte von Einwanderergesellschaften hinaus selbstbestimmte Lebenswelten gegen zu viel Konformitätsdruck, gegen die Uniformität sich globalisierender Märkte, gegen die Folgen von zu viel staatlicher Regulierung von der Wiege bis zur Bahre, auch gegen Gleichförmigkeiten in den digitalen Vernetzungen der Informationsgesellschaft.

Strafe für die Fehler der Vergangenheit

Die Segregation und Abkapselung auf Seiten der Migrant/innen, von denen in letzter Zeit geschrieben und geredet wird, fallen nicht vom Himmel. Sie sind häufig das Produkt gesellschaftlicher Ausgrenzung und bleibender sozialer Benachteiligung. Weitsichtige Sozialwissenschaftler/innen haben in den 70er Jahren vor diesen Entwicklungen gewarnt und mit Sorge beobachtet, wie sich die nicht offiziell anerkannte Einwanderung als ethnische «Unterschichtung» vollzog. Die bundesdeutsche Gesellschaft hat es jahrzehntelang nicht vermocht, die Realität eines Einwanderungslandes zur Kenntnis zu nehmen und soziale Chancengleichheit für Einwander/innen und ihre Kinder zu ermöglichen. Die Wiedervereinigung hat diese Unfähigkeit noch weiter verhärtet. Immer noch liegt in Berlin die relative Zahl der Hauptschulabsolvent/innen ausländischer Nationalität drei- bis viermal höher als bei Deutschen, dagegen dreimal niedriger bei den Abiturient/innen und bei den Auszubildenden. Die Zahl der arbeitslosen Migrant/innen in Berlin ist mit 35% mehr als doppelt so hoch wie im Durchschnitt der Gesamtbevölkerung; differenziert nach Geschlecht und nach türkischer Nationalität stellen sich die Ungleichheiten noch krasser dar.

Diese Disparitäten haben in den letzten Jahren weiter zugenommen. Wir müssen befürchten, dass sich in Berlin, in Deutschland, in Europa insgesamt Klassenstrukturen dauerhaft ethnisch verfestigen. Im Grunde ist diese Entwicklung ein schleichender Rückfall in neofeudale Zustände zu werten, in denen die ethnische Herkunft ein entscheidendes Kriterium für die Zumessung gesellschaftlicher Chancen war. Für Verfechter/innen einer offenen Gesellschaft mit bleibenden Ansprüchen an soziale Gerechtigkeit ist das eine völlig unhaltbare Entwicklung. Diese Entwicklung zu stoppen und umzukehren, ist die zweite wichtige Aufgabe einer Politik, die sich die Integration zum Ziel gesetzt hat.

Die Geschichte Europas ist widersprüchlich: Einerseits wird es mit der Vernichtung von Minderheiten, mit Genozid und Unmenschlichkeit, mit Unterdrückung und Konfessionskriegen und deren Auswirkungen bis zum heutigen Tage in Verbindung gebracht. Verletzungen der Menschenrechte, «ethnische Säuberungen», völkisch-nationaler Hass und antidemokratische Tendenzen sind immer noch lebendig. Andererseits steht Europa für eine Tradition der Aufklärung, der Toleranz, der Menschenrechte, der Freiheit, der Demokratie, der Rationalität, der Idee der politischen Republik und für andere große kulturelle Leistungen. In welche Richtung es entwickelt ist nach wie vor offen. Also müssen wir Einfluss darauf nehmen.