Zur Diskussion um das Kopftuch

 

Eigentlich müssten die hiesigen Gesellschaften die Diskussion um das Tragen des Kopftuchs durch Moslems als Zeichen verstehen, aktiv ein Gleichgewicht zwischen ihren säkularisierten Gesellschaften und dem Islam entwickeln zu müssen. Ein Gleichgewicht, analog demjenigen, welches diese Gesellschaften während der vergangenen Jahrhunderte auch zu anderen wichtigen Religionen, wie den christlichen Konfessionen und dem Judentum, entwickelt haben. Diese Selbstfindung und Weiterentwicklung braucht Zeit und kann nur miteinander gelingen, damit die Muslime in unserer Gesellschaft nicht nur dabei sind, sondern mittendrin!

Eine Emotionalisierung und Dramatisierung anhand der derzeitigen Diskussion um Kopftücher könnte ansonsten zu einem Kulturkampf in einer Welt führen, die gleichzeitig immer näher zusammen rückt.

Um konstruktiv voran zu kommen, ist es notwendig, sich von Verallgemeinerungen zu verabschieden. Dies würde den Einzelnen nicht gerecht werden und die ambivalente, teilweise in sich widersprüchliche Lebenswirklichkeit von Muslimen innerhalb dieser Gesellschaft außer Acht lassen.

Andererseits besteht die Gefahr, den Umgang mit dem Kopftuch von Person zu Person unterschiedlich zu handhaben. Dies würde die Tür für Willkür, Verdächtigungen und Überwachung öffnen und das geistige Klima vergiften.

Außerdem ist diese Gesellschaft und auch der Staat nicht völlig religionsneutral. Alle Religionen sind permanent präsent – mal offensichtlicher, mal weniger. Ein Berufsverbot über das Vehikel der Bekleidung einzuführen wäre kontraproduktiv und völlig überzogen. Wo sollte da auch eine Grenze sein? Was wäre mit der Kippa auf dem Kopf? Oder mit einem Kreuz an der Halskette?

LehrerInnen sollen nach allgemeiner Ansicht nicht nur Fachinhalte vermitteln, sondern auch Werte vermitteln und anbieten, an denen SchülerInnen sich bei ihrer Identitätsfindung orientieren können. Wir dürfen aber den Einfluss der LehrerInnen auf die SchülerInnen auch nicht überschätzen. Sie konkurrieren mit der Familie, dem Freundeskreis, der Musik, der Literatur, den Massenmedien oder dem Internet. Und sie konkurrieren vor allem auch mit der Realität einer Gesellschaft. Außerdem darf nicht vergessen werden, dass LehrerInnen und SchülerInnen in einem antagonistischen Verhältnis stehen, wodurch jede Äußerung von LehrerInnen grundsätzlich kritisch beäugt wird. Entscheidend für den Einfluss von LehrerInnen wird bleiben, was Ministerpräsident Teufel aus Baden-Württemberg einmal sagte: «Entscheidend ist nicht, was man auf dem Kopf hat, sondern das, was man im Kopf hat.» In diese Gemengelage sollte die Diskussion eingeordnet werden.

Gleichzeitig möchte ich aber auch folgenden Punkt betonen: Ein verbindlicher Dialog mit MigrantInnenorganisationen muss in beide Richtungen verstärkt geführt werden. Denn ohne den Dialog rückt die Integration, die erwünschte Annäherung in weite Ferne. Je mehr sich die MigrantInnen hier wohl fühlen, desto eher wird der Zulauf bestimmter Organisationen abebben. Es muss gelingen, den Nachkommen der zweiten und dritten Generation persönliche und gesellschaftliche Perspektiven anzubieten. Wenn sich die Gesellschaft dies zutrauen und auf ihre Fahnen schreiben würde, wäre sie so selbstbewusst, dass sie einen Streit um Kopftücher gar nicht nötig hätte. Aber in einer Zeit, in der immer mehr Menschen ins ökonomische und soziale Abseits gedrängt werden, was auch viele Christen trifft, fehlt dieses Selbstbewusstsein innerhalb der Gesellschaft offensichtlich. Seiten.