Migrationskinder und Schule: Chance und Herausforderung – muttersprachlicher Unterricht als Baustein zur interkulturellen Bildung

 

Eine neue Kultur ist mehr als die Summe mehrerer Kulturen

Das Jahr 2001 war von der Europäischen Union (EU) zum «Jahr der Sprachen» erklärt worden. Dass Kinder möglichst mehr als eine Sprache erlernen sollten, steht schon lange außer Zweifel. Viele Kinder in der EU wachsen allerdings bereits zwei- oder mehrsprachig auf. Dabei handelt es sich jedoch nicht um Englisch, Französisch, Spanisch oder Deutsch, sondern um Sprachen, die durch die internationale Migration in das EU-Gebiet getragen wurden. Dies wird in der Bildungspolitik allerdings bisher nicht ausreichend berücksichtigt, obwohl Sprache und Integration sich gegenseitig bedingen. Man sollte jedoch zur Kenntnis nehmen, dass gute deutsche Sprachkenntnisse eine notwendige, jedoch nicht hinreichende Bedingung für die Integration sind. Bildungserfolge der Migrationskinder sind vom zur Verfügung stehenden ökonomischen, kulturellen und sozialen Kapital der Eltern abhängig.

Der Bilingualismus der Migrationskinder bzw. die Förderung der Muttersprache wurde in Berlin wiederholt zum Gegenstand kontroverser pädagogischer und bildungspolitischer Diskussionen. Die Beherrschung der deutschen Sprache ist eine entscheidende Voraussetzung für den Bildungserfolg. Sie muss aber weder zum Verzicht der Herkunfts- und Muttersprache führen, noch in Widerspruch zum Wunsch vieler Familien stehen, die Herkunftssprache zu pflegen.

Hinzu kommt, dass Integration in generationsumspannenden Zeitbegriffen gefasst werden muss. Zum einen umfasst interkulturelle Erziehung die Interaktionen zwischen bereits bestehenden Kulturen. Zum anderen aber gleichzeitig auch die Interaktionen religiöser, politischer und wirtschaftlicher Art, in deren Folge Kultur entsteht. Integration ist also nicht kurzfristig zu erreichen, sondern sie muss als dynamischer Prozess des gegenseitigen Austauschs mit dem Ziel verstanden werden, etwas Neues zu schaffen.

Interkulturelle Bildung als Prinzip

Viele der in den vergangenen Jahrzehnten zugezogenen Migrantinnen und Migranten wollen auf Dauer bleiben und als Mitbürgerinnen und Mitbürger mit allen Rechten und Pflichten leben. Im Alltag prägen die zugewanderten Menschen die hiesige Gesellschaft, in der kulturelle Vielfalt zur Realität geworden ist. Die Schule muss diese Folgen der Migration, gerade auch in Zeiten verstärkter Globalisierung, berücksichtigen und daraus einen bildungspolitischen Gewinn ziehen. Tatsache ist aber, dass sich die deutsche Schule bis heute nicht wirklich darauf eingestellt hat, dass ihre Schülerschaft sprachlich, sozial und kulturell heterogen ist. Eine adäquate Reaktion müsste zu einer interkulturellen Bildung als Prinzip führen. Damit würde die Befähigung zu einem überlegten Umgang mit kultureller Vielfalt und zum friedlichen Zusammenleben gewährleistet. BildungspolitikerInnen und WissenschaftlerInnen sind sich des weiteren darin einig, dass das Erlernen der deutschen Sprache mit dem Erwerb staatsbürgerlicher Rechte einher geht, eine wesentliche Voraussetzung für das Gelingen von Integration.

Nach dem vorher Gesagten liegen der interkulturellen Bildung also zwei Prämissen zugrunde:

  • der Gleichstellungsgrundsatz und
  • der Grundsatz der Anerkennung anderer Identitätsentwürfe.

Die Misere des deutschen Bildungssystems, das im europäischen Vergleich das Schlusslicht bildet, darf nicht auf dem Rücken der Kinder von Migranten und Migrantinnen und anderer sozial Benachteiligter ausgetragen werden. Die Organisation für wirtschaftliche Kooperation und Entwicklung in Europa (OECD) hat in ihrem PISA-Bericht als zentrale Aussage herausgestellt, dass Schüler und Schülerinnen aus benachteiligten Milieus in den Schulen schlechtere Leistungen erzielen, wo die Gesamtheit der Schülerschaft ebenfalls als sozial benachteiligt gelten kann. «Unter solchen Unständen bleiben Begabungen ungenutzt und werden menschliche Ressourcen vergeudet» (S. 252). Bei der Novellierung des neuen Schulgesetzes in Berlin vom Januar 2004 ist der Bildungsauftrag der Schule u.a. um das Ziel «interkulturelle Bildung» erweitert worden. Dabei wurden für die SchülerInnen mit Migrationshintergrund detaillierte schulische Konzepte ausgearbeitet. So soll sowohl eine individuelle als auch eine gesellschaftsorientierte Sichtweise zu der Erkenntnis befähigen, dass das «Andere» das «Besondere» sei. Dies soll allerdings nicht nur für die Kinder mit Migrationshintergrund, sondern für alle Kinder ein Lernziel sein. Gleichzeitig wird sich vom neuen Gesetz auch ein Abbau der Zweitsprachdefizite sowie eine stärkere Verankerung interkultureller Kompetenz auf beiden Seiten versprochen.

Der Kultusministerkonferenz (KMK) ist zuzustimmen, wenn sie in ihrer Empfehlung zur «interkulturellen Bildung und Erziehung in der Schule» von 1996 erklärt: «Interkulturelle Bildung wird (…) zunächst in der gewissenhaften Wahrnehmung des allgemeinen Erziehungsauftrags der Schule verwirklicht. Er fordert bei allen Schülerinnen und Schülern die Entwicklung von Einstellungen von Verhaltensweisen, die dem ethischen Grundsatz der Humanität und den Prinzipien von Freiheit und Verantwortung, von Solidarität und Völkerverständigung, von Demokratie und Toleranz verpflichtet sind.»

Bildungsinstitution Schule

Um Integration nicht länger als eine einseitige Anpassung an die im Aufenthaltsland gültige Verhältnisse zu verstehen, bei dem den Migranten und Migrantinnen jede Menge Pflichten auferlegt und weniger Rechte zugestanden werden, müssen die Fähigkeiten und Errungenschaften, die die Migranten aus ihren Herkunftsländern mitbringen, stärker in das Blickfeld gerückt werden. Die Herkunftssprache muss deshalb in der Zukunft als Wert und nicht als Manko gewürdigt werden. Die Schnittstelle in diesem Prozess ist dabei die schulische Integration von Kindern nichtdeutscher Herkunftssprache. Denn Gleichberechtigung und Chancengleichheit hängen maßgeblich vom schulischen Erfolg ab.

Die Integration von Kindern nichtdeutscher Herkunftssprache in die soziale Gemeinschaft der Zukunft kann nur gesichert werden, wenn ihnen über die Schule eine kognitive und kommunikative Entfaltung und damit auch eine emotionale Selbstverwirklichung ermöglicht wird. Dies ist aber nur dann erfolgversprechend, wenn in der Schule auf das aufgebaut wird, was die Kinder vor der Schulzeit an Erfahrungen im emotionalen, kognitiven und kommunikativen Bereich erarbeitet und erworben haben. Sie müssen dort abgeholt werden, wo sie beim Schulbeginn stehen.

Damit dies geschehen kann, muss die Muttersprache, die für ein Vorschulkind das Medium der Entfaltung war, zumindest in der vorschulischen Übergangszeit einbezogen werden. So wie in Deutschland Deutsch für die deutschen Kinder die entscheidende Rolle spielt, ist für Kinder nichtdeutscher Herkunftssprache deren Muttersprache bis in die Grundschuljahre hinein dominantes Mittel für ihre soziale und intellektuelle Entwicklung. In der Schule aber wird danach die deutsche Sprache Medium der Wissensvermittlung und Wissenserarbeitung. Sie dient dem individuellen und sozialen Fortschritt. Gleichberechtigte türkische, arabische und andere Schulen neben den deutschen sind in Deutschland unrealisierbar. Also müssen die Kinder vor der Schulzeit bereits auf Deutsch als Unterrichtssprache vorbereitet werden, ohne dass ihre Muttersprache dabei unberücksichtigt bleibt.

Die vorschulische Übergangsphase als Schnittstelle

In der vorschulischen Übergangsphase muss gewährleistet werden, dass die Kinder das Mittel Sprache von außen uneingeschränkt verwenden können, um sich zu äußern, um Wissen aufzunehmen und sich einzubringen. Diese Phase ist für die schulische Entwicklung des einzelnen Kindes entscheidend. Während der Vorschulphase im Bereich der allgemeinbildenden Schulen sollte es in Übereinstimmung der Empfehlungen der Kultusministerkonferenz, der unabhängigen Kommission «Zuwanderung» und des Forums Bildung das Ziel sein, den Unterricht des Deutschen als Zweitsprache wie den Unterricht der Herkunftssprachen zu normalisieren, d.h. in die Stundentafel einzuarbeiten.

  1. Die Muttersprache ist zum Schulanfang in aller Regel noch die stabilere Sprache, denn sie ist es, die sich die Kinder in jahrelanger Übung und Anwendung vor Schulbeginn angeeignet haben. Durch eine vorschulische Übergangsphase, die sowohl die Herkunftssprache berücksichtigt, als auch auf die Verkehrssprache vorbereitet, wird der Funktionswechsel der Muttersprache zur Zweitsprache als Medium der kognitiven, kommunikativen und emotionalen Entfaltung erst ermöglicht! Dafür werden LehrerInnen, ErzieherInnen und Schulen gebraucht, die personell, inhaltlich und organisatorisch darauf vorbereitet sind. Dafür bedarf es institutioneller Verbesserungen, um die institutionelle Diskriminierung zu verhindern. Der Erfolg oder Misserfolg der jetzigen Schülergeneration nichtdeutscher Eltern ist auch ausschlaggebend für den der künftigen Nachkommen ehemaliger ArbeitsmigrantInnen.
  2. Immer deutlicher wird, dass Integration nicht im Gegensatz zum muttersprachlichen Unterricht steht und dass der muttersprachliche Unterricht nicht dem Erlernen der deutschen Sprache entgegen steht. Mehr noch: Die Vernachlässigung der Entwicklung der Muttersprache wirkt sich auf die Entwicklung des Kindes äußerst negativ aus. Das Selbstbild des Kindes bestimmt sich wesentlich über die Muttersprache. Einseitig ist es, vom Deutschen zu reden, die anderen Sprachen der Zuwanderer aber zu ignorieren oder nur als Hindernisse für das Deutschlernen darzustellen. Das begünstigt ein nationalistisches Denken über die Sprache.
  3. Die Sprache ist der wichtigste Träger der jeweiligen Kultur. Ein Bruch in der muttersprachlichen Entwicklung und der dabei in Kauf genommene mögliche Bruch mit der Muttersprache verhindert nicht nur eine gelungene schulische Integration und die Entwicklung aller kognitiven und kommunikativen Fähigkeiten, sondern führt ebenso zu Missverständnissen und Konflikten zwischen den Kindern nichtdeutscher Herkunftssprache und ihren Eltern sowie ihrer Herkunftskultur.
  4. Durch muttersprachlichen Unterricht wird das Sprachvermögen insgesamt gefördert, was sich auch auf den Gebrauch der deutschen Sprache auswirkt.

Bildungsinstitution Kindergarten

Die Vorschule baut dabei auf der Qualität der vorhergehenden Bildungsinstitution, nämlich dem Kindergarten, auf. Daher ist zu überdenken, ob die Ausbildungsstandards der ErzieherInnen – wie in den meisten europäischen Ländern – nicht auf Hochschulniveau angehoben und die Besoldung an die von GrundschullehrerInnen angepasst werden sollten. Trotz aller Anerkennung der bisher geleisteten pädagogischen Arbeit: Um die Qualität der Bildung und Erziehung im Kindergarten zu verbessern, ist eine Intensivierung der Fortbildung der ErzieherInnen und einer Reform ihrer Ausbildung vonnöten. Kleine Kinder brauchen die am meisten qualifizierten PädagogInnen.

Bildungschancen beginnen bereits im Kindergarten. Hier wird über Bildungskarrieren entschieden, nicht am Gymnasium, wo sich ohnehin schon überwiegend sozial Privilegierte befinden. Die deutsche Sprache wird nicht erst in der Schule gelernt, schon im Kindergarten findet permanent Sprachanregung und Sprachbegleitung von Kindern nichtdeutscher Herkunftssprache statt. Die Integration der Kinder muss schon hier intensiv unterstützt werden. In keiner anderen Bildungsinstitution ist der Kontakt zum Elternhaus so groß und nirgendwo wird so ausgeprägt Elternarbeit geleistet wie im Kindergarten. Deshalb müssen so schnell wie möglich folgende Entwicklungen in Gang gesetzt werden:

  • Kindergarten als Elementarstufe des Bildungssystems muss mehr gesellschaftliche Wertschätzung und finanzielle Unterstützung erhalten.
  • Die Ausbildung der ErzieherInnen sollte entsprechend ihrer pädagogischen Verantwortung und der Bedeutung des Bildungsauftrages des Kindergartens verbessert werden.
  • Die Fort- und Weiterbildung sollte zusätzliche Kompetenzen zum Erkennen von Sprach- und Entwicklungsproblemen sowie zur Durchführung von Fördermaßnahmen vermitteln; Fortbildung sollte auch zu beruflichen Aufstiegschancen der ErzieherInnen führen.
  • Der Besuch von Kindertageseinrichtungen sollte für alle Kinder ab dem 3. Lebensjahr angestrebt werden und muss kostenlos sein, damit alle sozialen Schichten Zugang haben und Chancengleichheit für alle Kinder sichergestellt wird.
  • Die Zusammenarbeit von Kindergarten und Grundschule sollte intensiviert werden, so dass Übergänge fließender gestaltet werden können und die Förderung sozialbenachteiligter Kinder vor, in und neben der Schule erreicht wird.