Berufsausbildung heute

 

Einführung

Eine gute allgemeine und berufliche Bildung hatten schon immer eine große Bedeutung für die individuellen Lebenschancen eines Menschen. Auch die Entwicklungsmöglichkeiten unserer gesamten Gesellschaft, hängen sehr stark vom Grad der Bildung der einzelnen Menschen ab, sei es nun zivilisatorisch oder ökonomisch betrachtet. Dazu muss diese Bildung möglichst breit innerhalb der Bevölkerung verteilt werden. Durch die Bildung wird nicht nur über die konkreten Berufs- und Lebenschancen vorentschieden, sondern sie ist der grundlegende Schlüssel für die soziale Teilhabe eines jeden. Ganz besonders gelten diese Erkenntnisse für die sozialen Teilhabechancen von jungen Menschen mit Migrationshintergrund. Und besonders stark wird die Relevanz des Bildungsstandes in der sich anbahnenden und zukünftig globalisierten Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft sein.

Der Ist-Zustand

Von einer Chancengleichheit Jugendlicher ausländischer Herkunft im deutschen Bildungssystem kann keine Rede sein. Diese Tatsache ist seit vielen Jahren leider nahezu unverändert. Schlimmer noch: Anstatt die schlechteren Ausgangsbedingungen für Kinder mit Migrationshintergrund auszugleichen, fördert unser Schulsystem die Ellbogenmentalität sowie Auslese und Segregation. Dies ist kein Betriebsunfall, sondern so gewollt. Das hiesige Schulsystem will die soziale Schichtung möglichst undurchlässig halten und überlagert dies dadurch zusätzlich mit einer ethnischen Komponente. Dies führt dazu, dass der Abstand zwischen den Bildungserfolgen ausländischer und denen deutscher Jugendlicher erheblich ist.

Hierdurch wiederum wird selbstverständlich der Einstieg ins Berufsleben belastet. Der Ausbildungsplatzmarkt verschließt sich für Jugendliche mit Migrationshintergrund zusehends. Durch diesen fehlenden Bezug zur beruflichen Bildung wird der gesamte Integrationsprozess dieser Jugendlichen in die Gesellschaft auf Dauer erschwert. Hinzu kommt, dass die Anforderungen im Laufe der Zeit gestiegen sind: Wo man früher einen Ausbildungsplatz mit Hauptschulabschluss bekommen konnte wird heute fast Abitur erwartet.

Die Bedeutung der ersten Phasen der beruflichen Integration direkt nach der Schule für den weiteren Berufsweg von Jugendlichen wird in einer Vielzahl von Studien immer wieder belegt, gerade in so einem formalistisch orientierten Land wie Deutschland. Die mangelnde Flexibilität im Denken der Unternehmen und der gesamten Gesellschaft führt dazu, dass die Bildungschancen von Jugendlichen sinken, wenn sie direkt nach dem Schulabgang - freiwillig oder unfreiwillig - eine Alternative zur Berufsausbildung gewählt haben.

Es kommt also an dieser Schwelle beim Übergang von der Schule zum Beruf darauf an, dass den Jugendlichen eine umfassende, rechtzeitige und gleichzeitig auf ihre individuellen Probleme und Möglichkeiten abgestimmte Berufsberatung angeboten wird. Dabei sollte die Berufsberatung als Pflicht für die letzten Schuljahrgänge gemacht werden - und zwar als Pflicht für die Schulen einerseits und für die Agenturen andererseits. Rund 40% der 14- 18-Jährigen mit Migrationshintergrund bleiben im Anschluss an die Schule zunächst ohne berufliche Ausbildungsmöglichkeit und geraten in die Gefahr permanenter gesellschaftlicher Marginalisierung. In Folge von Hartz IV haben die Arbeitsagenturen die Berufsberatung jedoch aus Personalgründen ebenso weiter gekürzt wie der Senat die Jugendberufshilfe für besonders benachteiligte Jugendliche. Damit werden viele Jugendliche mit Migrationshintergrund kaum eine Chance auf eine Ausbildung erhalten, da das SGB VIII gegenüber dem SGB II nachrangig ist. Die Kooperation zwischen den Jugendämtern und den Job Centern hakt nach wie vor. Die vielen vorgesehenen Arbeitsgelegenheiten stellen nur eine Beschäftigungstherapie dar, sollen nur zwischen 3 und 9 Monaten laufen und können somit nicht als Instrument einer nachholenden Berufsausbildung genutzt werden.

Als Zweites ist in diesem Zusammenhang zu nennen, dass es in der heutigen und erst recht in der zukünftigen Gesellschaft keine geradlinigen Arbeits- und Lebensläufe mehr geben wird. Im Gegenteil, es wird nicht nur öfter zu Pausen im Arbeitsleben kommen; die Fixierung auf einen Beruf oder vielleicht sogar auf ein Unternehmen gehört der Vergangenheit an. Fortbildung, Umschulung, breite Orientierung und Flexibilität werden einen immer stärkeren Raum einnehmen und deshalb muss sich auch die Gesellschaft von der Sicht lösen, dass mit 16 eine Ausbildung begonnen wird. Heutzutage muss den Jugendlichen, die ja mitten in der Phase der Identitätsfindung stehen, das Herumsuchen, Schnuppern und Testen zugestanden werden. Frauenerwerbsarbeit und Teilzeit für beide Geschlechter werden zunehmen. Die 40-Stunden-Woche wird mittelfristig gesenkt werden. Die scharfe Trennung zwischen Freizeit, ehrenamtlicher Arbeit und Erwerbsarbeit wird verschwinden. Um all dies in Zukunft für sein Leben managen zu können, ist eine möglichst hohe Bildung die Voraussetzung.

Bildungslücken/Auslese/Forderungen

Es werden viele Gründe für die nicht zu leugnende Benachteiligung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund genannt, welche sich auf das engere soziale Umfeld der Jugendlichen beziehen:

  • Schlechtere oder fehlende Schulabschlüsse
  • mangelhafte Sprachkenntnisse
  • eingeengtes Berufswahlmuster (inzwischen gibt es allerdings in allen Ausbildungsberufen mehr Bewerber als Stellen)
  • Job- bzw. Konsumorientierung statt Ausbildungsorientierung (was ja wohl kein Wunder ist bei der Dauerberieselung durch Werbung)
  • der Prozess der Identitätsfindung in dem Alter oder
  • der Kulturkonflikt zwischen Deutschland und dem Herkunftsland der Eltern, selbst wenn die Kinder hier geboren sind.

Befördert und verstärkt werden allerdings all diese Gründe durch die oben erwähnte strukturelle Benachteiligung der unteren Schichten und derjenigen Menschen mit Migrationshintergrund. Eines ist übrigens auch klar: Wenn nicht mehr Arbeits- und vor allem Ausbildungsplätze angeboten werden, werden auch die Probleme nicht zu lösen sein. Denn neben der Bildung ist der Arbeitsmarkt das zentrale Instrument zur Integration von Menschen jeglicher Herkunft. Die fast aussichtslose Situation auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt ist schließlich nicht zuletzt einer der Hauptgründe für die Demotivation vieler Jugendlicher in den Schulen.

Den möglichen Problemfaktoren aus dem engeren sozialen Umfeld kann nur mit einer verbesserten Betreuung begegnet werden. Das muss mit einer entgeldfreien Kitapflicht beginnen, sich über mehr Personal in den Schulen, der Entwicklung einer "Schlechte-Schüler-Feuerwehr" wie im PISA-Paradies Finnland bis zu einer verstärkten Berufsberatung fortsetzen.

Daran müssen sich eine Flexibilisierung der Ausbildungsgänge und eine Reform der Berufsausbildung anschließen. Viele überbetriebliche Ausbildungsverbünde haben schon die Aufgaben der Unternehmen übernommen, da diese sich aus ihrer Ausbildungsverantwortung immer weiter zurückziehen. An dieser Stelle muss zwischen Kleinst-, Klein-, Mittel- und Großunternehmen differenziert und dementsprechend politisch gehandelt werden. Das Berufsgrundbildungsjahr und das Berufsvorbereitungsjahr fangen schon jetzt immer mehr Jugendliche ab und müssten eine Aufwertung erfahren, auch in dem Sinne, dass es keine geradlinigen Lebenswege mehr gibt.

Über die dafür notwendigen und möglichen neuen Methoden und innovativen Konzepte wollen wir hier diskutieren.